Enneagramm

Zu den Symbolen, die zur Überlieferung der Ideen des objektiven Wissens dienen, gehören die Diagramme der Grundgesetze des Weltalls, und sie überliefern nicht nur das Wissen selbst, sondern zeigen auch den Weg dazu“ (G.I. Gurdjieff, in: P. D. Ouspensky 1966, 412).
In allen esoterischen und okkulten Denkmodellen haben außer der Eins als Symbol der Einheit immer die ungeraden → Zahlen fasziniert: die Dreiheit in Form der drei Gottheiten → Brahma, → Vishnu und → Shiva oder die Dynamik der Schöpfung in Form der drei Gunas Sattva, Tattva und Rajas (→ Trinität) wie im hinduist. Weltbild, die christliche → Trinität von Vater, Sohn und Hl. Geist, die drei Welten im → Schamanismus (Unterwelt, Mittelwelt, Oberwelt) usw. Die Fünfheit dominierte in Form des Pentagramms die okkult-magischen Systeme (→ Magie), und die Siebenheit erscheint überall als das esoterische System jeder Entwicklung, insbesondere in der → Astrologie mit den ursprünglich sieben Planetensphären um die Sonne (die sechs früh bekannten Planeten und der Mond) und Siebenjahresschritten im Tierkreis oder als → „Oktavengesetz“ der Transformation. In den westlichen Systemen des Okkultismus gibt es die „theosophische Addition“, bei der durch die Quersumme von Ziffern eine neue Bedeutung entsteht.

Abbildung: Das Enneagramm

Auch die Neunheit (→ Welten, neun), die durch Multiplikation der Drei mit sich selbst entsteht oder im Dezimalsystem die höchste Teilbarkeit der Eins als 0,9999… ausdrückt, spielt in vielen Weltbildern eine Rolle. Denn immer hat man die Symbolik der Zahlen mit bestimmten geometrischen Figuren verknüpft, die sich gegenseitig ergänzen. Möglicherweise gibt es eine Verbindung des Enneagrammsymbols mit der ursprünglichen kabbalistischen Vorstellung von der Idee der Himmel oder Sphären, durch die die Seele in ihre Urheimat aufsteigt (→ Sefiroth). So wird das Enneagramm auch aus der Verzahnung der beiden „hl. kosmischen Grundgesetze“ der Dreifältigkeit und der Siebenfältigkeit gebildet.
Der Philosoph und Lebenslehrer G.I. → Gurdjieff stellte das Enneagramm (griech. ennea, „neun“, und gramm, „schreiben“, also Symbol der Neun) 1915 in Russland einer Gruppe von „Suchern nach der Wahrheit“ vor. Das Symbol des Enneagramms war bis dahin in keiner „esoterischen“ Schule – weder im Westen noch im Osten – bekannt. Bis heute weiß man nicht, wo er es gefunden oder ob er es selbst entwickelt hat. Gurdjieff behauptet, dass er bei einem seiner vielen Forschungsabenteuer im Mittleren Osten auf dieses universale Symbol bei der Sarman-Bruderschaft gestoßen sei, die als „Hüter der Tradition“ seit über 4 000 Jahren gewirkt haben soll (→ Sufismus).
Das Enneagramm ist ein faszinierendes und ungewöhnliches Symbol, weil es nicht den üblichen symmetrischen Symboldarstellungen folgt. P.D. → Ouspensky schreibt in seinem Buch „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ (1966):

„→ Gurdjieff kam oft und in vielen Zusammenhängen auf das Enneagramm zurück. ‚Jedes vollständige Ganze, jeder Kosmos, jeder Organismus, jede Pflanze ist ein Enneagramm’, sagte er … ‚Allgemein gesprochen, muss man verstehen, dass das Enneagramm ein universales Symbol ist. Alles Wissen kann im Enneagramm zusammengefasst und mit seiner Hilfe gedeutet werden. Und so kann man sagen, dass man nur das weiß bzw. versteht, was man in das Enneagramm einfügen kann.“ (P.D. Ouspensky 1966, 432)

Die Hochschätzung der ungeraden Zahlen ist pythagoräisches Gedankengut (→ Pythagoras) und war in der Antike weit verbreitet. Der Enneagrammforscher und Physiker Anthony Blake merkt an, dass wegen der Zahlenverhältnisse das Enneagramm erst mit der Einführung des Dezimalsystems (um 1000) entstanden sein kann.
Eine andere Linie kann man in den Arbeiten des mallorquinischen Philosophen Ramon → Llull (1235-1315) finden. Er entwickelte eine ars universalis, bei der mit Hilfe von drei drehbaren Dreiecken sämtliches Wissen in immer neuen Zusammenhängen kombiniert werden konnte. Hier finden wir den Ursprung von Oscar Ichazos (geb. 1931) „Neuerfindung“ des Enneagramms um 1970 als Typologie, auf der alle späteren Darstellungen von Claudio Naranjo, Helen Palmer u.v.a. beruhen (→ Enneagramm, Typenlehre).
Das Symbol des Enneagramms besteht aus der Verbindung und Bedeutung der Kombination von drei Systemen – Kreis, Dreieck und unregelmäßiges Sechseck. Das unregelmäßige Sechseck entsteht durch die selten vorkommende gleichartige Dezimale von 1/7, also 0,142857142857…, die auch die Verlaufsrichtung eines inneren Prozesses und die Verknüpfung von Bedeutungen der einzelnen Punkte vorgibt. Es gibt noch mehr Mathematik im Enneagramm: Wenn man die Divisionen 1/7, 2/7 usw. durchrechnet (die immer wieder andere Kombinationen derselben Zahlenfolge ergeben, also 2/7 = 0,241758… 3/7 = 0,428571), landet man bei der Teilung von 7 durch 7 beim Ergebnis von 0,999999 … und nicht 1. Die Eins ist eine mathematische Zahl, die es in der Bruchrechnung eigentlich nicht gibt.
Dadurch erhält das Enneagramm die Besonderheit, dass die Siebenerteilung nur sechs Ziffern für das innere, unregelmäßige Sechseck hervorbringt und die siebte Ziffer, die Neun, sich am Apex des Dreiecks damit vernetzt. Nun fehlen noch die Ziffern drei, sechs und neun, die natürlich durch die Division von 1/3, 2/3 und 3/3 entstehen, wobei letztere wiederum der angesprochenen Teilung von 7/7 entspricht.
Da jedoch die zwei Punkte drei und sechs im Enneagramm durch die Verwendung des Dreiecks „eingefügt“ sind, spricht Gurdjieff von „Öffnungen“. Das Enneagramm ist also ein offenes System, dessen Prozess im Zeitablauf entlang des Kreises (eins, zwei, drei, vier, usw.) durch Einflüsse von außen erst seine Richtung behält oder verändert. Gurdjieff vergleicht dies mit dem → Oktavengesetz, denn eine musikalische Oktave kann sich nur „harmonisch“ entwickeln, wenn zwei Halbtonschritte vorgenommen werden. Diese sind der Hinweis auf die Öffnungen oder „Schocks“ an Punkt drei und sechs im Enneagramm. Er erklärt das anhand der Musikoktave:

„Die sieben Grundtöne zusammen mit den zwei ‚Intervallen’ und den zusätzlichen ‚Schocks’ ergeben neun Stufen. Durch Einschluss des DO (die alte Schreibweise der Note C, → Oktavengesetz) der nächsten Oktave erhalten wir zehn Stufen. Die letzte, zehnte Stufe, ist das Ende des vorigen und der Beginn eines neuen Kreislaufs. Auf diese Weise schließt das Oktavengesetz und der Entwicklungsvorgang, den es ausdrückt, die Zahlen von eins bis zehn ein.“ (G.I. Gurdjieff, in: P. D. Ouspensky 1966, 416)

In einer Darstellung von Athanasius Kircher (1602-1680) von 1665 wird der Zusammenklang der Oktave vom ersten Beweger (primum mobile) dirigiert. Die neun Sphären sind durchflossen von der ägyptischen Schlange der Lebenskraft. Ihre drei Köpfe vertreten die göttliche → Trinität in den drei Dimensionen des Raumes und den drei Aspekten der → Zeit.
Das Enneagramm stellt in Gurdjieffs Philosophie einen Entwicklungsweg dar, einen vernetzten Prozess, der mehrere unterschiedliche Aspekte berücksichtigt. Ein wesentliches, nicht zu unterschätzendes Element des Enneagramms ist der Kreis um die geometrische Figur. Im → Sufismus und in anderen Lehren steht der Kreis traditionell für die Idee der Vollkommenheit. Seine Form repräsentiert vollendete Integrität. Gurdjieff (in: Ouspensky 1966, 423) beschreibt dies so: Der Kreis „enthält, von seiner Umgebung abgesondert, in sich alles für das eigene Dasein Notwendige“ (→ Weltzentrum). Hinzu kommt ein zweiter Aspekt: Der Kreis ist für Gurdjieff das Sinnbild „eines ewig wiederkehrenden und ununterbrochen fließenden Vorgangs“. Er ist ein Symbol zyklischen, nichtlinearen Denkens (→ Ritual). Er veranschaulicht die Prozesshaftigkeit der Wirklichkeit, die Gurdjieff immer wieder gegen die dualistische, lineare Weltanschauung der modernen Wissenschaft stellt. Zwar gibt es auch in Gurdjieffs Weltbild Fortschritt und Entwicklung. Das Enneagramm jedoch soll verdeutlichen, wie echte Entwicklung trotz der gesetzmäßigen „Kraftablenkung“ möglich ist.
Dieser Fortschritt indes beschreibt den Weg einer Spirale. Es ist der Fortschritt von einer Stufe zu ihrer nächsthöheren Oktave und von dieser wiederum zur nächsten usw.

„Das Enneagramm ist dauernde Bewegung, das gleiche perpetuum mobile, das die Menschen seit dem ältesten Altertum gesucht und niemals gefunden haben. Und es ist klar, warum sie das perpetuum mobile nicht finden können. Sie suchten außerhalb von sich, was in ihnen war; und sie versuchten dauernde Bewegung zu konstruieren, wie man eine Maschine konstruiert, während die wirkliche dauernde Bewegung ein Teil einer anderen Bewegung ist und nicht losgetrennt von ihr erzeugt werden kann. Das Enneagramm ist ein schematisches Diagramm der dauernden Bewegung. … Um das Enneagramm zu verstehen, muss man es sich bewegt vorstellen. Ein sich nicht bewegendes Enneagramm ist ein totes Symbol; das lebendige Symbol ist die Bewegung.“ (G.I. Gurdjieff, in: Ouspensky 1966, 433)

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