Farbe

Form kann eigentlich immer nur als Farbe wahrgenommen werden (→ Wahrnehmung). Es ist von der menschlichen Anlage her praktisch nicht möglich, eine Form, eine Gestalt, einen Gegenstand von dem zu trennen, was als Farbe gesehen wird. Denn allein durch die Farbe reagiert die Form eines Gegenstands auf die Lichtwellen, durch die er überhaupt wahrgenommen werden kann. Farbe ist einerseits der Oberflächenaspekt der Form, doch spirituell gesehen auch eine Qualität, die sich mit einem Gegenstand bzw. einer materiellen Form verbunden hat.
Farbe wirkt unmittelbar auf die Sinne. Es ist sogar möglich, eine Beziehung zwischen den verschiedenen Farben und den menschlichen Gefühlen herzustellen: So entspricht Rot dem Feurigen, also Ärger und Zorn, Gelb der Freude, Blau der Sehnsucht. Vermutlich hat diese Zuordnung auch mit sozialen Prägungen zu tun. Physiologische Erklärungen besagen, dass die Frequenz der Lichtwellen entsprechende Gefühle im Gehirn auslösen, sodass bei bestimmten Farben entsprechend angenehme oder unangenehme Gefühle geweckt werden.
In der Kunst haben solche Assoziationen nichts mit dem ästhetischen Wert einer Farbe zu tun, obwohl sie die Reaktion eines Menschen auf das Kunstwerk beeinflussen können. Mit der ästhetischen Erfahrung spürt ein Mensch intuitiv die Tiefe und das Wesen der Farbe. Tiefe, Wärme oder Klang einer Farbe sind dabei gewissermaßen objektive Qualitäten (→ Kunst), die über Gefühlsregungen hinausgehen.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) erkannte in einer spirituellen → Vision darüber hinaus:

„Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden. In diesem Sinne können wir von denselben Aufschlüsse über das Licht erwarten. Farben und Licht stehen zwar untereinander in dem genausten Verhältnis, aber wir müssen uns beide als der ganzen Natur zugehörig denken; denn sie ist des ganz, die sich dadurch dem Sinne des Auges besonders offenbaren will. … So spricht die Natur hinabwärts zu den anderen Sinnen, zu bekannten, verkannten, unbekannten Sinnen; so spricht sie mit sich selbst und zu uns durch tausend Erscheinungen. Dem Aufmerksamen ist sie nirgends tot noch stumm …“ (Johann Wolfgang von Goethe 1970, 6)

Goethe erkannte mit seiner Aussage, dass Farbe „Taten und Leiden des Lichts“ sind, intuitiv die spätere physikalische Zweiteilung des Photons in Teilchen (Quant) und Welle (Schwingung). In dieser Hinsicht gibt es keinen Widerspruch zwischen der physikalischen Erkenntnis Isaac Newtons (1643-1727), dass Licht aus Farben besteht (spektrale Zusammensetzung), und Goethes Erkenntnis, dass die Farben durch die Brechungen zwischen Licht und Dunkelheit im Auge des Betrachters entstehen. Es sind einfach unterschiedliche Ansätze und → Wahrnehmungen.
Farbe in mythischen und kultischen Zusammenhängen: Die Farben der dreifältigen Großen → Göttin, der Erdmutter, geben die drei Aspekte des Lebens wieder:
Die weiße Göttin in Gestalt der Jungfrau, Geburt und Wachstum: der zunehmende Mond
Die rote Göttin als das Weib in seiner Stärke und Blüte, Kampf und Liebe: der Vollmond
Die schwarze Göttin von Tod und Weisheit: der abnehmende Mond, Schwarzmond. Auf den britischen Inseln wurde Schwarz oft durch Dunkelblau ersetzt.
Rot ist auch die Farbe der röm. Göttin der Morgenröte, Aurora, die bei den Griechen Eos hieß und verwandt ist mit der germanischen Frühlingsgöttin (→ Germanen) Eostre (Ostara) und damit auch mit Ostern. Besonders in Osteuropa wurden Ostereier rot gefärbt, denn Rot galt als die Farbe des Lebens.
Im Hypogäum von Hal Saflieni auf Malta, einem riesigen unterirdischen → Labyrinth mit mehreren eiförmigen Räumen, sind die Decken und einige Wände in Rot bemalt. Vasen und andere Gegenstände in den ovalen Grabkammern zeigen rote Eier. In Russland gab es ein Auferstehungsritual, das darin bestand, rote Ostereier auf Gräber zu legen. In Griechenland werden heute noch Osterbrote mit roten Eiern gebacken.
Im Hebr. haben die Schriftzeichen für Blut, DM (Daleth-Mem), und Rot, DOM, dieselbe Wurzel. Von Leben und Zerstörung ist es nur ein kleiner Schritt, und so wird mit Rot auch Macht assoziiert. Wertvolle Güter wie Purpur und Rubin wurden zu Insignien der Cäsaren, Könige und Bischöfe. Rot gilt auch als die Farbe der Märtyrer, die ihr Blut für Christus vergossen, während die Kardinäle durch das Tragen der roten Farbe ihre grundsätzliche Bereitschaft bekunden, dem Beispiel der Märtyrer zu folgen. Rot ist auch die Farbe für das Reich Gottes.
Schwarz ist das uralte Symbol der Kirche für Bußfertigkeit und die Leiden Christi. Es ist im Christentum die Farbe der Absage an die Welt, der Weltentsagung, Buße und Askese sowie die Farbe vieler Mönchs- und Asketengewänder (→ Katharer).
Die wichtigsten Götter der → hinduist. und schamanistischen (→ Schamanismus) Welt Nepals sind in ihren herausragenden Qualitäten durch Farbzuschreibung gekennzeichnet: Der verschlingende, zornvolle, vernichtende Aspekt → Shivas ist „der große schwarze“ Mahakala und Kal Bhairap. Die grimmige Erscheinung der Göttin → Kali in ihren sieben Aspekten wird vorrangig als schwarze Kali verehrt. Bevorzugte Opferfarbe ist Rot.
Grün: Die Stirnbänder und Geisterdolche (furba) nepalesischer Schamanen symbolisieren in ihren Farben die drei Welten. Je nach Volkszugehörigkeit sind die Stirnbänder weiß, rot, blau oder weiß, rot, grün gefärbt. Blau symbolisiert die Oberwelt, den Himmel, Grün die Pflanzenkraft, Weiß die Mittelwelt und Rot die Unterwelt (→ Weltenbaum). In Europa gilt die Gestalt des „Grünen Mannes“, des „Blattgesichts“, als Verkörperung der Pflanzenkraft, die noch Hinweise auf die schamanischen Wurzeln Europas gibt und mit dem Gründonnerstag vor dem Karfreitag in die christl. Liturgie integriert wurde. Auch im Alten Testament wird Grün als die Farbe des Wachstums erwähnt.
Im Christentum (und im Islam) ist Grün die Farbe des Paradieses. Die Künstler des Mittelalters malten das Kreuz Christi grün, als das Werkzeug der Erneuerung des Menschengeschlechts, die durch das Opfer Christi vollbracht wurde. Der Thron Gottes besteht nach der Offenbarung des Johannes (4, 3) aus grünem Jaspis. Smaragdgrün ist die Farbe des → Grals. Grün ist meistens Ausdruck der Hoffnung auf das ewige Leben.
Mit der Farbe Weiß verbinden sich in den Vorstellungen der christl., hebr. und islamischen → Religion vollkommene Reinheit, Verklärung, ewige Herrlichkeit. Es ist das besondere Vorrecht des Papstes, einen weißseidenen Talar zu tragen. Weiß symbolisiert Jesus als das „Licht der Welt“.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Bisher noch keine Bewertung. Leider ...)