Geist

„Ein Mönch fragt: ‚Was ist eigentlich Geist?’ – ‚Geist’, lautet die Antwort des Meisters. ‚Ich verstehe nicht’, forscht der Mönch weiter. ‚Ich auch nicht’, erwidert ohne zu zögern der Meister.“ (frei nach D.T. Suzuki 2003).
Der Begriff wird im allgemeinen dt. Sprachgebrauch mit → Bewusstsein oder Denken gleichgesetzt. Gemäß der heute weithin akzeptierten naturwissenschaftlichen Dreiteilung und Wechselwirkung von Materie, Energie und Information können diese zur klassischen spirituellen Dreiteilung des Menschen in Körper, Seele und Geist in Entsprechung gesetzt werden. Ein ergänzendes Modell beruht auf der Annahme, dass es analog dazu drei Dimensionen gibt, die im Wesentlichen durch unterschiedliche → Bewusstseinszustände erfahren werden können. Alle diese drei Aspekte bilden eine Einheit, sie sind systemisch miteinander „vernetzt“, denn jede dieser drei → Welten macht unterschiedliche Formen der Erfahrung und Erfahrungszustände möglich und ist nur durch unterschiedliche Bewusstseinszustände bzw. Wahrnehmungszustände erfahrbar.
Um dem Konzept von „Geist“, d.h. auch der → Spiritualität näher zu kommen, ist es daher hilfreich, die Begriffe Materie, Energie und Information deutlich zu unterscheiden. Wenn diese drei naturwissenschaftlich definierten „Wirklichkeitsdimensionen“ unter dem metaphysischen Aspekt und auch dem Aspekt der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit gesehen werden, kann eine Einteilung in Dimension der Materie, Körper und Sinne, Dimension der Energie, Bewusstsein und Wahrnehmung und Dimension der Information, Intelligenz, Kreativität, Geist vorgenommen werden. Im Einzelnen:
1. Dimension der Materie: Im Allgemeinen betrachtet die menschliche → Wahrnehmung Materie als eine feste Substanz. Tatsächlich besteht jede materielle Form aus energetischen Quantenzuständen, die jedoch nicht wahrgenommen werden können. Aber auch die materielle Welt wird nur indirekt wahrgenommen, über die Sinnesimpulse und das Nervensystem, mit denen die gegenständliche, sichtbare und natürliche Lebenswelt gesehen und gespürt wird. Dasselbe gilt auch für die Erforschung von mikroskopisch kleinen Strukturen. Dafür werden jedoch materielle Instrumente benötigt, mit denen unsichtbare Quantenfelder, atomare Teilchen, chemische Elemente und die Energiezustände des Kosmos „gesehen“ werden können, jedoch mit Hilfe der Sinnesorgane und des Gehirns interpretiert werden müssen. Die menschliche Körperlichkeit mit ihren elektrischen und biochemischen Strukturen ist dabei in der Lage, diese → Wahrnehmungen zu sinnvollen, lebensfähigen Gedanken und Handlungen umzusetzen.
Die natürliche Welt ist normalerweise so erfahrungsreich, dass sie die meisten Menschen völlig zufrieden stellt, weil sie das Gehirn ständig mit einem Fluss an Informationen und Impulsen versorgt. Dieser Fluss, der zusätzlich auch Informationen und Impulse aus den anderen Dimensionen enthält, wird vom Alltagsbewusstsein meistens nur gefiltert durchgelassen oder von den Milliarden Neuronen im Gehirn interpretiert.
2. Dimension der Energien: Die Grenzen zwischen der materiellen und natürlichen, der sichtbaren und fassbaren Welt und der Welt der → Energien sind aus diesem Grund naturgemäß unscharf. Eine sinnliche Erfahrung, eine körperliche Berührung, Hören, Sehen, Schmecken wird im Wesentlichen durch energetische Impulse ausgelöst. Das menschliche Gehirn fungiert dabei als Transformationsstation, die diese Impulse in Wahrnehmungen umsetzt. Dabei sind die Menschen „in der Erfahrung“ und nehmen deshalb die Schwingungen der Energien nicht wahr, sondern nur ihr Ergebnis. In einem erhöhten oder veränderten → Bewusstseinszustand können auch diese Schwingungen wahrgenommen werden, sogar bis zu der Erfahrung, die Schwingungen der Energien zu „sehen“ (→ Aura). Materielle Gegenstände und der eigene Körper werden dabei weiterhin als solche wahrgenommen, d.h. ein Mensch kann nicht durch Wände gehen, dennoch kann ein Mensch in diesem veränderten Wachbewusstseinszustand die energetische Schwingung „ungefiltert“ wahrnehmen.
Die Welt der Energien ist umfassender als die körperliche, materielle Welt. Energie ist eine Form der Materie bzw. Materie ist ein bestimmter Zustand von Energie. Alles ist in energetischer Schwingung mit unterschiedlichem Verdichtungsgrad. Auf der mikroskopischen Ebene schwingt die Materie in Quantenzuständen, bildet elektromagnetische Felder, strahlt als Licht oder Elektrizität. Wie sich diese Quantenzustände organisieren, hängt von der ihr inhärenten Information oder besser gesagt „Intelligenz“ ab. Das gilt auch für die Organisation biologischer Informationen, die durch biochemischen und biophysikalischen Informationsaustausch gesteuert wird.
Der Mensch kann Energien nur durch seine körperlichen Wahrnehmungsorgane – Sinne und Gehirn – wahrnehmen und erfahren. Das geschieht zumeist unbewusst, kann aber auch bewusst gemacht werden (→ Aura). Die Wahrnehmung von energetischen Prozessen vermittelt eine andere Erfahrungsqualität. Wenn sich die → Aufmerksamkeit nach außen in die natürliche Welt richtet, nimmt sie die körperliche und natürliche Welt wahr. Wird die Aufmerksamkeit nach innen in die Bewusstseinswelt gerichtet, werden → Bewusstseinszustände erfahren. Es kann auch beides gleichzeitig geschehen: Bei verstärkter sinnlicher und emotionaler Erfahrung zeigt sich die natürliche Welt lebendiger, deshalb fühlen sich Menschen während dieser Erfahrung viel direkter, d.h. sinnlicher oder bewusster mit ihr verbunden. Es ist ein Zustand des Selbstgewahrseins, der einhergeht mit einem veränderten körperlichen Zustand. Manchmal sind Menschen für kurze Momente von diesem intensiven Erleben ergriffen, nehmen aber nicht wahr, dass sie Kontakt mit dieser anderen Welt haben. Kontakt mit der zweiten Welt können Menschen manchmal unabsichtlich in → Träumen, durch Stress oder andere Auslöser haben, manchmal auch in absichtlich veränderten → Bewusstseinszuständen durch verschiedene Übungsmethoden wie z.B. → Meditation oder die Einnahme von → psychoaktiven Pflanzen bzw. Substanzen.
3. Dimension der Information: Der Begriff der Information, wie er von Physikern gebraucht wird, hat selbstverständlich seinen Hintergrund in der materiellen Welt, der Welt der Fakten. Der Begriff kann jedoch analog auf eine dritte Dimension, die Welt des Geistes, übertragen werden. Denn eine Information ist nicht nur eine Mitteilung oder ein bestimmtes Wissen, sondern auch der Gehalt einer Nachricht. Information wird nur wirksam, wenn sie auf einen Empfänger trifft und bestimmte Aktionen auslöst. „Informationen bestehen aus Unterschieden, die einen Unterschied machen.“ (Gregory Bateson 1984, 123) Sie kann zwar als Code gespeichert werden, doch auch dieser Code muss von einer geeigneten Quelle, z.B. durch Abtastung durch einen Laserstrahl, aufgeschlüsselt und transformiert werden. Dieser Vorgang ist vergleichbar mit der Entschlüsselung der Impulse aus der Sinneswelt oder geistiger Impulse aus der Dimension des Geistes. Das menschliche Bewusstsein, das mit den materiellen, neurologischen Funktionen und so mit der Dimension der energetischen Welt vernetzt ist, transformiert geistige, nichtsinnliche Information in ein bewusstes Verstehen.
In diesem Sinne ist die eigentliche spirituelle Welt eine Welt der „Qualität“, die im Grunde keinem der menschlichen Existenzzustände entspricht. Raum und Zeit spielen hier keine Rolle, es ist die Welt der Möglichkeit, der Intelligenz und Kreativität. In religiösen Theologien wird Geist meist mit → Gott gleichgesetzt. Sowohl Information als auch Geist sind weder materiell bzw. substanziell noch energetisch. Es ist eine Qualität, die Wirkungen hat. Diese könnte auch als „Welt der schöpferischen Intelligenz“ bezeichnet werden, als eine transfinite Welt (im Sinne von Georg → Cantors transfiniten Zahlen) ohne Substanz. Die Einflüsse oder Impulse aus dieser Welt werden von Menschen nur indirekt über die körperlichen Funktionen wahrgenommen.

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