Gnosis

Gnosis (griech. „Erkenntnis des Übersinnlichen“)

Entstand am Schnittpunkt vieler alter Mittelmeerkulturen, zu einer Zeit, die das Ende der vorchristl. Religionen kennzeichnet (um 250 v.u.Z.). Ihre Stärke erwuchs aus der Verschmelzung von Vergangenheit und Zukunft, von Altem und Neuem, Ost und West.

„Die bleibende Faszination, die Gnosis und Gnostizismus bis heute auf das gebildete Publikum ausüben, dürfte nicht zuletzt darin begründet sein, dass sie – jenseits aller Exotik – innerhalb des abendländischen Weltbildes einen alternativen Entwicklungspfad verkörpern, … der zwar mit Aufklärung und Monotheismus die Überwindung des Mythos [→ Bewusstseinsevolution] zu teilen scheint, dann aber eine immanente Kritik am biblischen Denken notgedrungen wieder in Bildern denken und dem Diesseits seine Anerkennung verweigern muss.
Es ist historisch kein Zufall, dass Antijudaismus und Antisemitismus bis heute von gnostischem Denken zehren. Das ändert nichts an dem Umstand, dass die Gnosis wahrscheinlich im Schoß jüdischer Sekten entstanden ist und dass im Judentum selbst, in → Kabbala und → Chassidismus, gnostische Tendenzen einen erheblichen Raum einnahmen.“ (Micha Brumlik 1992, 20)

Wenn man den Einfluss gnostischer Gedanken verfolgt, kann man sogar behaupten, dass gnostische Ideen nicht nur das Christentum selbst, sondern die meisten mystischen Strömungen in Afrika und Europa in vielfältiger Weise beeinflusst haben. Darüber hinaus hat die Gnosis die politische und religiöse Philosophie bis in unsere Zeit durchtränkt. Viele der heutigen Philosophien und Bewegungen des → New Age enthalten gnostisches Gedankengut (siehe auch → Theosophie, → Anthroposophie, → Magie). Deshalb sind die Gnosis und ihr Weltbild nach wie vor ganz lebendig und aktuell, auch wenn es keine explizit gnostische Kirche, Gruppe oder Richtung gibt.
Wahrscheinlich sind die gnostischen Glaubensvorstellungen auch deshalb so interessant, weil sie aus vielen Quellen schöpfen: Die Gnosis beerbte die rationale Tradition der klassischen Welt und die → Mystik der orientalischen Kulte des Altertums, die ägyptische Mythologie (darunter die → Trinität von Isis, Osiris und Horus), den Mithraskult mit Tod und Auferstehung des Sonnengottes (→ Sonnenkult), die griech. Mysterien (→ Mystik), den zoroastrischen (→ Zoroaster) → Dualismus (den die jüdische Täufersekte der Essener wieder aufnahm) und die hebr. Schöpfungsgeschichte (→ Kabbala). Aus den babylonischen und chaldäischen Zivilisationen Mesopotamiens kamen der Sternenglaube und die Zahlenmystik (→ Zahlen), die eine große Rolle in der Gnostik spielten. Auch die damalige → Alchemie, die auf ägyptischen Quellen beruht, bildete einen Teil des gnostischen Gedankenguts.
Wesentliche Anteile der Gnostik entwickelten sich jedoch hauptsächlich als ein zeitgenössisch christl. und nachchristl. Phänomen (also um die Zeit 50 v. bis 300 n.u.Z.) und sind nur in diesem Kontext zu verstehen. Viele Texte setzen sich mit dem frühchristl. Glaubenssystem auseinander. Bis das Christentum im 4. Jh. zur Staatsreligion wurde, gab es einen regen Wettbewerb zwischen jüdisch-gnostischen, christl.-gnostischen und anderen gnostischen Weltbildern. Das erste Konzil von Nicäa (325) schloss alle gnostischen und apokryphen („verborgenen“, d.h. nicht in den christl. Kanon aufgenommene) Texte aus dem christl. Glaubenssystem aus (obwohl einige gnostische Schriften wie das Johannes-Evangelium ein Teil des christl. Kanons wurden). Der Gnostizismus wurde schließlich verfolgt und verschwand im Untergrund.
Die Hauptstadt der christl. Gnosis war das hellenistische Kulturzentrum Alexandria in Unterägypten, wo in der weltberühmten Bibliothek Hunderttausende von Schriftrollen lagerten, bevor sie von dem Christen Theophilus im Jahre 390 in Brand gesteckt wurde. Dadurch gingen unzählige Schriften aus dem Altertum verloren. Nur durch einige wenige überlieferte Schriften wie die „Pistis Sophia“, das „Buch Enoch“ und einige andere apokryphe Texte sowie Schriften des → Mani (auch → Katharer) war es möglich, eine erste unabhängige Bewertung des gnostischen Weltbildes vorzunehmen, das die Forscher bisher nur aus den (feindlich gesonnenen) Schriften der Kirchenväter kannten. 1945 wurden die Qumran-Rollen der Essener-Bruderschaft gefunden; ihnen liegt ein dualistisches Weltbild zugrunde, dessen Quelle wiederum im persischen → Zoroastrismus zu finden ist. Aus der Qumran-Gemeinde der Essener sollen die wesentlichen Begründer des Christentums – Jesus, Johannes und deren Schüler sowie Paulus – hervorgegangen sein. Aber vor allem durch die Schriftrollen von Nag Hammadi (Ägypten), die man 1947 fand, wurde die moderne Forschung in die Lage versetzt, einige wesentliche Bausteine der Gnosis zu rekonstruieren. Durch viele Verzögerungen weiß die Öffentlichkeit erst seit den 1970er-Jahren Genaueres über die Vielfältigkeit der gnostischen Strömungen.

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