Gurdjieff, Georg Iwanowitsch

Gurdjieff, Georg Iwanowitsch (1869-1949)

Eine der außerordentlichen spirituellen Persönlichkeiten des 20. Jh. Während andere große Lehrer innerhalb einer Tradition standen oder stehen, hat Gurdjieff ähnlich wie Rudolf → Steiner einen eigenen Weg begründet. Im Allgemeinen wird dieser als der → „Vierte Weg“ bezeichnet, weil er die Wege des Fakirs (Körper, → Karma-Yoga), des Mönches (→ Seele, → Bhakti-Yoga) und des Yogi (→ Geist, → Raja-Yoga) vereint und somit wie in der alchemistischen Tradition einen vierten, integralen Weg erschafft, vergleichbar mit dem integralen Yoga Sri → Aurobindos. Gurdjieff selbst gründete ein Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen.
Gurdjieff absolvierte 1914 die erste Phase seiner Lehrtätigkeit in St. Petersburg und Moskau. Während dieser Zeit stießen später so bedeutende Schüler wie der russische Journalist P.D. → Ouspensky, der Komponist Thomas und die Pianistin Olga de → Hartmann, der Bühnenbildner Alexandre de Salzmann und die Rhythmiklehrerin Jeanne de → Salzmann zu seiner Gruppe, mit der er 1918 vor der Russischen Revolution floh und sich jeweils kurze Zeit an verschiedenen Orten wie Tiflis und Istanbul niederließ. Die Flucht führte weiter über Deutschland, wo er zuerst in Berlin und dann am Dalcroze-Institut in Hellerau bei Dresden Fuß zu fassen versuchte. Als das nicht gelang, ging es weiter nach Frankreich, wo er 1922 in der Nähe von Fontainebleau bei Paris sein Institut begründete.
Viele berühmte Frauen und Männer aus Kunst und Wissenschaft besuchten das Institut, darunter der britische Mathematiker John G. → Bennett, der Jung-Schüler Maurice Nicoll, der Schriftsteller A.R. Orage oder die Schriftstellerin Katherine Mansfield. Durch sie wurden seine Ideen auf vielfältige Weise besonders in den angelsächsischen Ländern verbreitet und beeinflussten spätere Entwicklungen wie die humanistische und → transpersonale Psychologie. Durch P.D. → Ouspenskys Werk „Auf der Suche nach dem Wunderbaren – Fragmente einer unbekannten Lehre“, das erst nach dessen Tod 1949 veröffentlicht wurde, wurden Gurdjieffs Ideen weltweit bekannt – bekannter als Gurdjieff selbst mit seinem eigenen Hauptwerk „All und Alles – Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel“.

Heute sehr verbreitet und populär ist das Symbol des → Enneagramms, das mit einer Persönlichkeitstypologie verbunden ist, von Gurdjieff jedoch ursprünglich als Prozessmodell zum Verständnis kosmischer Gesetze und den Gesetzen menschlicher Entwicklung eingeführt worden war.
Wie die → gnostische oder → alchemistische Tradition, die in seine Lehre eingeflossen ist, entwickelte er eine eigene Sprache und Ausdrucksform, die heute schon wieder antiquiert erscheint, jedoch mit Absicht gewählt wurde.

„Er pflegte abstrakte Begriffe zu verdinglichen, konkrete Ausdrücke in einem abstrakten Sinne zu gebrauchen, Gesetze und Prinzipien zu personifizieren. Dies erfordert, dass man, wenn man ihn liest, sich bemüht, die Absicht und das Wesentliche zu erfassen, was eine beträchtliche Veränderung unserer Lesegewohnheit verlangt.“ (John G. Bennett, 1976, 293)

Es war Gurdjieffs wesentlicher Beitrag zur heutigen → Spiritualität, dass er traditionelle Lehren vieler asiatischer Überlieferungen und viele vor 80 Jahren aktuelle psychologische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu einer eigenständigen Lehre und einem geistigen Weg transformierte. In vieler Hinsicht ist es eine synkretistische Lehre, doch durch tiefe Einsicht in die menschliche Struktur verstand er es, unterschiedliche Methoden und Philosophien, praktische Übungen und psychologisches Knowhow zu einem ganzheitlichen „System“ zusammenzuführen.
Gurdjieffs Lehre beruht auf mehreren „Transportmitteln“: seinen Schriften, seinen Methoden und Techniken für die „harmonische Entwicklung“, seinen rituellen Tänzen, seiner Musik, dem → Enneagramm und der rituellen Mahlzeit mit den „Toasts auf die Idioten“ (Bruno Martin 2008). In Gurdjieffs Lehre gibt es keine Dogmen, er nannte das Wissen, das er vermittelte, einfach „Ideen“. Ideen sind geistige Bilder, die jeder Mensch auf seine Weise verstehen und damit arbeiten kann. Sie sind nicht statisch.
Seine Strategie war es, viele alte spirituelle Ideen in zeitgemäße Interpretationen umzuwandeln, um so mit seinem System die wissenschaftlich geprägten Menschen des 20. Jh. besser zu erreichen. In seiner Methodik und Präsentation neuer Gedanken scheint die → Zen-Philosophie durch, die eine Präsentation immer unvollendet lässt oder paradoxe Ideen aufwirft, an denen ein Schüler längere Zeit arbeiten muss. Auf gleiche Weise arbeitete Gurdjieff mit seinen Schülern (→ Schulen des Augenblicks). Eine langjährige Schülerin, Solange Claustres, bezeichnet ihn in ihren Erinnerungen als „Zen-Meister und Samurai“.
Als „Meister des Augenblicks“ experimentierte er ständig mit neuen Übungen und Methoden, aus denen besonders Methoden der Selbstbeobachtung, des Selbststudiums sowie das Training der Aufmerksamkeit hervorstechen. Bedeutend sind seine „alchemistischen“ Übungen (→ Tao-Yoga, → Alchemie) für die Energietransformation in Verbindung mit → Atemtechniken und körperlicher Arbeit und vor allem die sehr effektvollen rituellen Tänze.
Die → Tänze, die einfach „Movements“ genannt wurden, sind ein zentraler und attraktiver Bestandteil seiner Methode. Die über 150 verschiedenen Choreografien werden als Gruppentänze gelehrt. Sie dienen nicht nur dazu, die verschiedenen Teile des Menschen zu harmonisieren, sie sind auch ein intensives und effektives Training der → Aufmerksamkeit und des → Willens. Im Unterschied zur Ballettchoreografie oder dem Ausdruckstanz, der zur gleichen Zeit entstand, beruhen Gurdjieffs Choreografien auf mathematischen Strukturen, die dem Tänzer „kosmische Gesetzmäßigkeiten“ vermitteln sollen. Die Sprache der Körperhaltung und Gestik wird in vielen Übungssystemen als Steuerungssystem für veränderte Wachbewusstseinszustände genutzt (→ Tanz, → Trance, → tibetischer Buddhismus).
Gurdjieff hat außer der Musik für die Tänze etwa 200 weitere Musikstücke zusammen mit dem russischen Komponisten Thomas de → Hartmann, einem Schüler Skriabins, komponiert. „Keine dieser Kompositionen ist eine sklavische Nachahmung ethnischer Musik. Gurdjieff verwandelt und integriert die subtile Essenz einer uralten Überlieferung und vermittelt sie dem modernen Menschen als Aufforderung, aufzuwachen, und als Unterstützung seines Strebens nach wirklichem Sein“, schreibt der Gurdjieff-Biograf James Moore (1992, 360).

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