Gurdjieff, Philosophie und Kosmogonie

Sie basieren auf altem Wissen, das von den Schamanen über → Zoroaster, die Pythagoräer (→ Pythagoras), → Gnostiker und → Neuplatoniker bis in spirituelle Lehren Innerasiens einfloss. Der Mensch ist eingebunden in einen umfassenden Prozess der gegenseitigen Erhaltung alles Existierenden – nicht nur im Kreislauf und Austausch innerhalb der Biosphäre, sondern auch im gesamten kosmischen Prozess. Wie manche zeitgenössische Physiker sieht Gurdjieff die sich selbst organisierende Intelligenz hinter den materiellen Erscheinungen des Universums und des Lebens als ein → Bewusstseinsfeld, in das der Mensch mit seinem individuellen Bewusstsein verwoben ist. In einer Art absteigender Tonleiter der Schöpfung tritt das universale Bewusstsein überströmend aus einem obersten Einen, dem Gütigen, hervor und folgt dabei in seinen Intervallen den harmonikalen Gesetzen der pythagoräischen Musikoktave (→ Oktavengesetz).
Der Mensch hat durch seine Entwicklung wiederum die Möglichkeit, sich von der Schwerkraft und Trägheit der Materie zu lösen und die Oktave dieses Schöpfungsstrahls hinaufzusteigen. Indem der Mensch durch eigene Anstrengungen bewusste → Energien (siehe auch → Geist) nicht nur aufnimmt und verbraucht, sondern im Gegenzug auch wieder erzeugt und zurückführt, ist der Kreislauf des Nehmens und Gebens geschlossen. Der Weg der Transformation macht es dem Menschen möglich, nicht nur etwas abzugeben, sondern auch einen Teil der erzeugten Energien für die Entwicklung einer eigenen, unsterblichen Seele, dem „wirklichen Ich“, zu nutzen. Der Mensch erfüllt einen Zweck und gibt seinem Leben darüber hinaus einen individuellen Sinn.

„Die harmonische Entwicklung des Menschen, wie Gurdjieff sie verstand, ist ein außergewöhnlicher Vorgang, der es uns ermöglicht, über die Grenzen unserer gewöhnlichen menschlichen Natur hinauszugehen, in andere Bewusstseinszustände einzudringen, neue Kräfte des Verstehens zu erlangen und über die Bedingtheit unserer irdischen Existenz hinauszugehen.“ (John G. Bennett 1976, 257)

Trotz der Entwicklung der Denkfähigkeit und des technologischen Fortschritts haben nach Gurdjieff die anderen Fähigkeiten des Menschen in der Entwicklung nicht Schritt halten können, was zu einem kosmischen Ungleichgewicht führte. „Gurdjieff wurde von einem Gefühl der Dringlichkeit angetrieben; seiner Generation weit voraus, erkannte er, dass die Menschheit bei der Entscheidung über das zukünftige Gleichgewicht der Biosphäre so oder so die Schlüsselrolle spielen würde“ (John G. Bennett 1976). Seine Aufgabe sah er darin, die Sensibilität dafür zu wecken, dass der Mensch sich selbst nur durch einen bewussten Dienst an der Schöpfung verwirklichen kann, denn „der Mensch ist in vollem Sinne ein Naturwesen, jedoch hat er auch eine übernatürliche Bestimmung, die er nicht vollenden kann, ohne seine Pflicht der Natur gegenüber zu erfüllen“. Das ist der Kern von Gurdjieffs kosmologischem Entwurf der „gegenseitigen Erhaltung alles Existierenden“, die man auch so verstehen kann, dass die intelligente, sich selbst organisierende Schöpfung (→ Gott) auf die Hilfe und Mitarbeit der Menschen angewiesen ist – dies übrigens eine alte indoeurop. (→ Germanen) und zoroastrische (→ Zoroaster) Vorstellung.

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