Hua-Yen-Philosophie im → Zen-Buddhismus

In seinem großartigen Werk „Urerfahrung und Urwissen“ bringt D.T. → Suzuki das wirkliche Wesen des Zen zum Ausdruck, indem er die wesentliche Lehre der Hua-yen-Schule, begründet von Fa tsang (643-712), darlegt:

„Das mächtige Bauwerk des Buddhismus ruht auf zwei Grundpfeilern: Daichi (tai-chi), Mahaprajna oder die große Weisheit, und Daihi (tai-pei), Mahakaruna oder das große Mitgefühl. Die Weisheit kommt aus dem Mitleid und das Mitleid aus der Weisheit, denn in Wirklichkeit sind beide eins … Um die Bedeutung dieser Lehre voll zu erfassen, müssen wir uns der Hua-Yen (japan. Kegon-) Philosophie zuwenden, wie sie in den Hua-Yen-Sutras dargestellt ist. Diese Philosophie ist der Gipfel buddhistischen Denkens, wie sich dieses in Indien, China und Japan entfaltet hat. … Um Hua-Yen (Avatamsaka) zu verstehen, müssen wir uns mit zwei Schlüsselbegriffen vertraut machen … Shih (japan. Ji) ist Unterschiedenheit und Unterscheidung, und Li ist Nichtunterschiedenheit und Nichtunterscheidung … Nach der buddhistischen Philosophie ist Li in erster Linie → Sunyata, also die Leere oder die Leerheit. Leere bedeutet nicht Abwesenheit von etwas, das vorher da war und das es jetzt nicht mehr gibt. Leere ist nichts, das neben anderem existiert … Sie ist immer mit den individuellen Objekten (shih) verbunden, und sie existiert stets gemeinsam mit der Form (rupam). Wo es keine Form gibt, gibt es auch keine Leere, denn Leere ist Formlosigkeit … und ist daher immer mit Form verbunden … Das Eine durchdringt alle anderen, und gleichzeitig umschließt es sie alle in sich. Und wenn das Eine alle andern durchdringt, durchdringen ihrerseits alle übrigen einander darin; das Durchdringen ist das Durchdrungenwerden, und das Durchdrungenwerden ist das Durchdringen; beides erfolgt gegenseitig und gleichzeitig … Die Philosophie des Shih-Shih Wu-ai oder die Vorstellung des Universums als einer riesigen Bühne, auf der ein Schauspiel voll unendlich komplizierter Wechselwirkungen aller Kräfte aufgeführt wird, ist der Höhepunkt des buddhistischen Denkens. Der Schlüssel zum Hua-Yen-Leben ist deshalb: In der Welt sein, als ob man nicht in der Welt wäre.“ (D.T. Suzuki 1983, 77 f.)

Deshalb ist Weisheit niemals von Mitgefühl zu trennen. Diese Philosophie des Sowohl-als-auch ist die Essenz des Zen. Hier gilt es zu handeln im Augenblick, ohne mit den Dingen verhaftet zu sein.

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