Meister des Augenblicks

Sie arbeiten spontan und kreativ, doch das ist nur möglich, weil sie eine → Vision haben und eine Verbindung mit dem größeren Raum und der größeren Zeit. Deshalb können sie im gegebenen Augenblick in einer Zeitsequenz der normalen Zeit richtige Dinge tun, die von anderen für völlig unsinnig gehalten werden, weil diese nicht sehen können, in welchem Zusammenhang die entsprechende Aktion steht. Für einen so genannten Meister des Augenblicks gibt es im Idealfall keine festgelegten → Rituale. Er hat kein dogmatisches Lehrgebäude oder gibt bestimmte Vorschriften (→ Malamati).
Solche Lehrer schaffen Umstände, die nicht nur dem Schüler eine Möglichkeit zum Wachstum bieten, sondern auch in einer größeren Ordnung eine Rolle spielen. Sie können jedes Material nutzen, das zur Verfügung steht, und seien es Steine, die sie vom Boden aufheben. Eine → Zen-Geschichte illustriert dies: Zwei Zen-Mönche diskutierten über Subjektivität und Objektivität. Einer sagte: „Ist dieser Stein dort außerhalb oder innerhalb meines Geistes?“ Der andere erwiderte: „Nach den Regeln des Buddhismus ist er innerhalb.“ Der Meister kam dazu: „Dein Kopf muss ganz schwer sein, wenn du den Stein dort herumträgst.“
Die Meister des Augenblicks sind sich natürlich dessen bewusst, dass jede ihrer Aktionen irgendwann imitiert werden wird und dass jede Form und Struktur, die sie vorübergehend adaptieren, erstarren kann. Deshalb schaffen diese Meister immer neue Formen und immer neue Situationen, die der Augenblick gerade bietet. Wir können uns also nicht darauf verlassen, dass ein Sufi (→ Sufismus) immer ein Sufi sein oder diesen Namen tragen wird. Wahrscheinlich wird er sich selbst sowieso nicht so nennen.
Eine Bezeichnung für die Manifestation einer Lehre gilt immer nur für eine bestimmte Zeit und wird fallen gelassen, wenn sie ihren Dienst getan hat. Diejenigen, die danach noch daran festhalten, klammern sich an eine tote Form, die wenig lebendige Kraft hat. Das Beharren der Menschen auf bestimmten äußeren Formen ist natürlich mit ein Grund, warum manche Formen über Jahrhunderte überleben. Zum Teil ist das auch beabsichtigt, weil nur wenige Menschen in der Lage sind, die Herausforderung der Schule des Augenblicks anzunehmen. Im Zen gibt es den Ausspruch: „Triffst du Buddha unterwegs, dann töte ihn“ (Linji, jap. Rinzai gest. 866) , was besagt, dass es einen Buddha nach unserer Vorstellung nicht gibt.
Wenn heute über spirituelle Traditionen wie → Sufismus oder → Zen geschrieben und gesprochen wird, ist meistens die überlebte Form oder die Form der Anpassung an unseren Geschmack gemeint. Wirkliche Meister des Augenblicks spielen nicht mit im Zirkus der Eitelkeiten. Sie mögen uns bekannt sein, Vorträge halten und Bücher schreiben, doch ihre wirkliche Arbeit geschieht im Verborgenen. Selbstverständlich hat jeder eine bestimmte Rolle zu spielen, einen Dienst an der Menschheit zu erfüllen, und dieser wird wahrgenommen. Und dennoch wird es der Sucher schwer haben, einen kreativen Meister zu finden.

„Ein Schüler lernte seit einigen Monaten bei einem Sufi. Eines Tages sagte er: ‚Meister, du bist einer der größten Männer in der Welt und doch verhältnismäßig unbekannt. Ich fühle es als eine Pflicht, herumzureisen und den Leuten von deiner Größe zu erzählen. Wie kann es nur sein, dass ein so unendlich perfekter Mensch unbekannt bleiben soll.’ Der Meister sagte: ‚Wenn ich sagen würde, ich sei ein unendlich perfekter Mensch, oder jemanden dies von mir verbreiten lassen würde, würdest du wissen, dass ich dies nicht bin. Das Gefühl, dass du deinen Lehrer als den größten Menschen auf Erden darstellen musst, ist ein Zeichen deiner eigenen Überheblichkeit.“ Das Ziel unseres Strebens ist jenseits jeder Vorstellung. Auch die Meister des Augenblicks sind gewissen Bedingungen unterworfen, doch sie sind wahrscheinlich eher in der Lage, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Das kosmische Unendliche schafft immer neue Gelegenheiten zur Arbeit und mischt sich nicht ein. „Wenn wir uns dem Werk verpflichten, das manchmal der Geist Gottes genannt wird, verpflichten wir uns für immer der Veränderung.“(→ Reshad Feild 2003)

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