Mystik

Das Wort „Mystik“ (abgeleitet vom griech. Wort myzein, „die Augen schließen“) hat seine Wurzeln in den Mysterienkulten der alten → Griechen. Ein Mystiker war jemand, der jenseits des Schleiers der Erscheinungen die ewige Welt des Geistes erfahren hatte. In diesem Sinne ist jeder, der das Wissen um das „göttliche Leben“, d.h. eine andere Realität, erfahren hat, ein Mystiker – egal, innerhalb welchen Glaubenssystems er die andere, göttliche Wirklichkeit erkennt. So können wir in den klassischen Texten der Mystik eine fundamentale Übereinstimmung feststellen, die sich durch alle Traditionen zieht. Immer wieder begegnen wir ähnlichen Prinzipien und Prozeduren, die dazu dienen, ein besonderes Erleben der anderen Wirklichkeit zu erreichen. Insofern können wir sagen, dass das Wort „Mystik“ auf alle spirituellen Wege angewandt werden kann, nicht nur auf den Weg der → christlichen Mystik, für das es üblicherweise gebraucht wird.
Niemand kann sagen, wann die Anfänge der Mystik anzusetzen sind. Wahrscheinlich hatten bereits die Schamanen vor Tausenden von Jahren mystische Erfahrungen, die jedoch nur mündlich weitererzählt wurden und zur Mythenbildung führten. Die früheste aufgezeichnete spirituelle Tradition findet sich in der vedischen Literatur Indiens (→ Brahmanismus). Sie entstand ungefähr um 1500 v.u.Z. und reicht wahrscheinlich noch weiter zurück, doch davor gab es nur eine mündliche Weitergabe.
Die → Upanischaden, die ungefähr 800 v.u.Z. entstanden, unterscheiden sich von den vedischen Hymnen und den Brahmanas (siehe → Brahmanismus, → Yoga-Wege) durch ihre Ablehnung vedischer Rituale und die Betonung persönlicher Befreiung, die das mystische Erlebnis per se darstellt. Für den Mystiker ist das völlige Einssein jenseits aller Dualität eine Erfahrung höchster Glückseligkeit.
Auch wenn verschiedene Methoden zu unterschiedlichen Ausnahmezuständen führen, kann man für eine mystische Erfahrung mehrere Charakteristiken herausarbeiten, die William James (Neuausgabe 1997) im 19. Jh. zuerst aufgestellt hat. Im Folgenden seien diese Kennzeichen mit meinen Ergänzungen wiedergegeben:
1. Die mystische Erfahrung der Gegenwart des Göttlichen ist unbegreiflich und unaussprechlich. Für Mystiker ist diese Erfahrung bzw. Vision kein psychotischer Bewusstseinszustand oder eine Kombination von Gehirnprozessen, sondern eine direkte Erfahrung, die real ist, aber höchstens umschrieben ausgedrückt werden kann.
2. Der Mystiker hat eine direkte Wahrnehmung. James benutzt dafür den Begriff „noetische Qualität“, was „aus dem Intellekt kommend“ bedeutet. Allerdings ist hier nicht der logische, rationale Intellekt gemeint, sondern das lat. Wort intellectus, „Wahrnehmung“. Der Mystiker hat demnach eine ganzheitliche Vision, die nicht über die Sinne vermittelt wird. Er sieht intuitiv hinter den Schleier der zeitlichen Realität.
3. Die mystische Erfahrung ist vorübergehend. Es wäre ein Fehler anzunehmen, dass Mystiker – egal welcher Kultur – in einer Art ekstatischem Kontinuum leben. Die Bedeutung und Wirkung der Erfahrung hält an und ist mit einiger Übung auch zu verlängern oder willentlich zu erreichen. Auch wenn der Zustand nur vorübergehend ist, wird derjenige, der ihn erfahren hat, ein anderes Verständnis vom Leben bekommen und kann eine tief greifende Umwandlung durchmachen. Die Sufi-Mystiker unterscheiden deshalb zwischen zwei Erfahrungsebenen: hal, die vorübergehende, visionäre Erfahrung, und makam, die dauerhaft erreichte Seinsebene, die Transformation.
Der Zustand hal kann durch verschiedene Mittel erreicht werden, seien es psychoaktive Substanzen, sexuelle Ekstase, Fasten, Meditation usw. In diesem Zustand haben wir für kurze Zeit Zugang zu vielen Kräften und Erscheinungen einer höheren Seinsebene, kehren aber schließlich wieder ins normale Alltagsbewusstsein zurück. Um eine dauerhafte Umwandlung zu erreichen, muss der Mystiker lernen, diese Zustände als Teil der normalen Entwicklung anzunehmen, ohne mit der Arbeit nachzulassen, die sein Wesen stärkt und dauerhaft macht. Wahrscheinlich sind beide Erfahrungsebenen für die Entwicklung nötig (→ Bewusstseinszustände).
4. Die mystische Erfahrung wird immer als gegeben oder geschenkt erfahren, es ist eine passive Erfahrung. Auf dem höchsten Zustand der Erfahrung fühlt sich der Mystiker überwältigt von einem größeren Willen oder einer größeren Welt als seiner eigenen. Manchmal kommen mystische Erfahrungen auch unvorhergesehen, als plötzliche Erleuchtungen. Dennoch muss sich der Mystiker in den meisten Fällen darauf vorbereiten, eine höhere Erfahrung zu haben. „Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, darin mich Gott sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben“ (Meister → Eckehart, Übers. v. Josef Quint 1955).
„Im Grunde betrachtet ist die Geschichte der Mystik die Geschichte der Wissenschaft der Entwicklung der Intuition. Die Methoden haben sich von Kultur zu Kultur verschieden ausgeprägt, sind zum Teil in Religionen eingeflossen, aber immer unabhängig davon geblieben. Ziel ist in allen Fällen, die Wirklichkeit zu erkennen, die hinter der Welt der normalen Erfahrungen liegt. Wie die Mystiker sagen, ist die fundamentale Wirklichkeit, die sich hinter allen Erscheinungen verbirgt, den Sinnen nicht zugänglich. Sie kann nicht mit unseren Begriffen beschrieben, nicht in unsere Verstandeskategorien gefasst werden. Doch sie ist mit der mystischen Intuition zu erfahren. Die Erkenntnis dieser wahren Wirklichkeit gibt der Existenz des Einzelnen einen Sinn, befreit von der Angst vor dem Tod und den egozentrischen Wünschen, die das Leben der meisten Menschen bestimmen.“ (Arthur J. Deikman 1986)

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