Raja-Yoga

Die Königsdiszplin des Yoga, der auf den Sutras des Patanjali (ca. 2. Jh. v.u.Z.) beruht. Der Raja-Yoga ist eine innere Disziplin, die das Denken stilllegen will, damit der Übende → Samadhi erreichen kann, um so den Gegensatz, wie ihn die → Samkhya-Philosophie formuliert, zu überwinden. Der Raja-Yoga meint somit, dass eine bestimmte Anstrengung erforderlich ist, um das zu erreichen, weil metaphysisches Verstehen allein nicht ausreiche. Patanjalis Absicht war es offenbar, durch Ruhigstellung des Körpers die Versenkung zu erleichtern und so die innere Stille zu erreichen. Die Körperhaltung, Asana, ist keine rein physische Übung (→ Hatha-Yoga):
„Sie muss in einer bewussten inneren Verfassung eingenommen werden. Durch Hereinnahme der Extremitäten – der Arme und Beine – und deren Zusammenfügung zu einer geschlossenen Einheit erwacht der Yogi zur Lebendigkeit des eigenen Leibes. Damit schafft er die Voraussetzung für die vom Yoga angebahnte progressive Vertiefung in die eigene Seele. Die äußerliche Geschlossenheit oder Sammlung der asana gestattet die innere Zentrierung und Offenheit gegenüber dem Transzendenten.“ (Georg Feuerstein 1981)
Auch in der Bhagavadgita wird Asana als Stabilität der inneren Ruhe dem → Selbst gegenüber definiert. Das „Selbst“ beinhaltet alles, „was ich habe“. Dabei bilden der physische Körper, die feineren Zentren (→ Chakras) und der Intellekt zusammen das Selbst, das die Einheit des „Ich bin“ auf dem Hintergrund des kosmischen „Ich-Bin-Bewusstseins“ ist.
Der Raja-Yoga ist so ein umfassendes System zu Entfaltung der geistigen Kräfte, durch Körperhaltung, Konzentration und Meditation. Ausgefeilte Hatha-Yoga-Übungen gehen allerdings auf Goraknath zurück (→ Nath), während Patanjali nur einige wenige Asanas, hauptsächlich das Sitzen (→ Zen), kannte und vorschlug.
Die Bausteine des klassischen Yoga sind die folgenden acht Glieder (anga):
1. moralische Zügelung (Yama),
2. Selbstzucht (Niyama),
3. Körperhaltung (Asana),
4. Atemregulierung (Pranayama),
5. Zurückziehung der Sinne (Pratyahara),
6. Konzentration (Dharana),
7. Versenkung bzw. Meditation (Dhyana),
8. Unmittelbare Wahrnehmung (Samadhi).
Diese einzelnen Glieder sind wiederum in verschiedene Disziplinen unterteilt wie Nichttöten (Ahimsa), Studium (Svadhaya) oder Gesamtschau (Samyama).
Für den Yoga-Experten Georg Feuerstein (1981) „sind die Bausteine des von Patanjali gelehrten Yoga“, die häufig als „Stufen“ ausgelegt werden, in Wirklichkeit „Funktionsglieder, die sich sowohl funktionell als auch zeitlich überlappen“. Deshalb gibt er einer Kreisordnung den Vorzug (siehe Abb.).

Abbildung: Yoga-Kreis

„Auf diese Weise“, erklärt Feuerstein weiter, „lässt sich ihre gegenseitige Beziehung weitaus klarer erfassen. So hat yama als Gegenpol pratyahara, und dies entspricht auf sozialer Ebene auch tatsächlich seiner vorbestimmten Funktion: Yama ist die Abstandnahme vom Übergriff in andere Lebensfelder, genauso wie pratyahara das Zurücknehmen der Sinne von den Sinnesgegenständen ist. Niyama ist passend dharana zugeordnet, weil es eben Konzentration in der Ausübung des Willens ist. Asana hat als Gegenpol → dhyana und kann entsprechend als das meditative Verhalten des Leibes gedeutet werden. Pranayama wiederum ist → samadhi gegenübergestellt; während nämlich ersterer die Vermittlung zwischen Innen und Außen auf physischer Ebene (mittels des Atems …) erwirkt, ist die Enstase (samadhi) der Mittler zwischen dem Unten und Oben, d.h. zwischen dem empirischen Bewusstsein und dem transzendenten Bewusstsein.“ (Georg Feuerstein 1981)
Das Ziel des Raja-Yoga ist das Verlöschen des persönlichen Ichs und Eingehen in das Absolute (→ Brahman).

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