Samkhya

Samkhya (Sk.)

Lehre bzw. → Darshana („Weltanschauung“) der indischen Philosophie.
„In einem Sinne ist alles Materie. In den Veden bedeutet das Wort tanu Körper und auch alles, was mit Verkörperung zu tun hat. Das Wort atman bedeutet den Geist und alles, was mit seiner Energie oder Leben verbunden ist. Diese Worte lassen sich austauschen und werden dauernd füreinander gebraucht, da beide dieselbe Materialität ausdrücken. Es gibt keinen Unterschied zwischen Geist und Materie, es ist nur eine Frage unterschiedlicher Dichtigkeit (Materialität).“ (Sri → Anirvan 1984, 96)
Das Samkhya misst dem Prinzip der Selbstentwicklung (Individuation) hohen Wert bei. Seine Philosophie ist die eines dualistischen Realismus. Ursprünglich atheistisch gefärbt, wurde es später mit den theistischen Yogasystemen verflochten. Die Entwicklung der Samkhya-Philosophie erfolgte über einen Zeitraum von 1000 Jahren (500 v.u.Z. – 500 n.u.Z.). Ihre Vorstellungen beeinflussten das gesamte indische Denken und gelangten in den → Buddhismus, das → Tantra und den → Vedanta. Samkhya ist die einzige religiöse Philosophie, die eine psychologische und wissenschaftliche Sprache spricht und Riten (→ Ritual) und Dogmen ablehnt.
Während der Vedanta von einem einzigen absoluten → Nichtsein (→ Brahman) ausgeht, trennt das Samkhya → Geist (purusha) und Materie (prakriti). Purusha ist das intelligente kosmische Prinzip, dessen Wesen das → Bewusstsein ist. Prakriti, manchmal als Natur übersetzt, ist das ewige, sich immer ändernde unbewusste Prinzip, dem die Schöpfung unterliegt. Sie ist aus drei Bestandteilen, den Gunas, zusammengesetzt: Sattva, das feurige, aktive Prinzip, Rajas, das versöhnende, neutrale Prinzip, und Tamas, das Trägheitsprinzip (→ Trinität). Die Gunas sind untrennbar, eines allein kann nichts hervorbringen. Jeder Effekt ist im ursprünglichen Grund schon enthalten, genauso wie jeder Aspekt der Erscheinungswelt in seiner ursprünglichen Matrix Prakriti enthalten ist. Das individuelle Selbst ist unabhängig vom Körper, aber durch Unwissenheit an die Webmuster der Prakriti gebunden. Wird diese Unwissenheit überwunden, ist der Mensch frei.
„Der bedeutendste Beitrag von Samkhya und Yoga zur Hinduphilosophie liegt in der streng psychologischen Deutung des Daseins. Ihre Analysen des Mikro-Makrokosmos und aller menschlichen Probleme werden in Begriffen einer Art frühwissenschaftlichen psychologischen Funktionalismus dargeboten. Dieser lässt sich in seiner Genauigkeit und seinem nüchternen Positivismus mit dem ausführlichen System und der Theorie der biologischen Entwicklung vergleichen.“ (Heinrich Zimmer 1973, 298)
Siehe auch: → Raja-Yoga.

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