Schamanismus, Nepal

Die Wurzeln des Schamanismus reichen in Nepal weit zurück – man schätzt mindestens 60 000 Jahre. Alle der etwa 36 in Nepal lebenden Ethnien kennen und praktizieren den Schamanismus, darunter viele Frauen. Manche hinduist. Symbole (→ Hinduismus), → Mantras und Götter wurden in die schamanischen Rituale integriert. Nur wer heilen und in → Trance fallen kann, ist auch ein Heiler. Niemand im Himalajagebiet wird jhankri (ein nepalischer Begriff für Schamane, je nach Ethnie und Sprache unterschiedlich), weil er diesen „Beruf“ ergreifen will:
„Er wird durch Berufung zum Jhankri. Nicht wenige versuchen, dieser Berufung aus dem Weg zu gehen, weil sie ein hartes und entbehrungsreiches Leben bedeutet. Schamanen sind meist ‚einfache’ Menschen – Bauern, Handwerker, Hausfrau, Fabrikarbeiter oder -arbeiterin. Und zusätzlich dazu schamanisieren sie, wenn jemand zu ihnen kommt, der ihre Hilfe braucht … So wie die Naturgewalten toben, so ‚wüten’ auch oft die Jhankris in ihren chintas (Heilzeremonien). Herrisch rufen sie die Hilfsgeister herbei und schicken sie wieder weg, wenn die Trance tief genug ist. In den schweißbedeckten Gesichtern spiegeln sich die Begegnungen mit den jenseitigen Kräften.“ (Claudia Müller-Ebeling/Christian Rätsch 2000, 29)
Für die Nepali gibt es Schamanen seit dem Ursprung der Welt. Sie erhalten und erneuern sie – denn sie sind gewissermaßen → Shiva selbst. Der Weg der Schamanen wurde von Shiva in die Welt gebracht, und es ist ein Weg der Liebe. Die Schamanen sind in erster Linie Heiler, die uneigennützig ihre Kräfte und ihr Wissen zur Verfügung stellen. Wirkliche jhankris dürfen für ihre Arbeit keine Reklame machen. „Jhankris sind wir nur, weil andere von uns geheilt werden, und nicht, weil wir sagen, dass wir sie heilen können“ (Müller-Ebeling/Rätsch 29) Die Begabung, in → Trance fallen zu können, ist Voraussetzung für jede Art von Berufung. Prinzipiell gibt es drei Arten der Berufung: durch den ban jhankri (Urvater der Schamanen), durch Traumvisionen und durch Familientradition. Oft zeigt sich die Gabe des Schamanisierens schon sehr früh.
Der Schamanismus Nepals ist reich an Ritualgeräten (→ Mala), Altarobjekten, Altarpflanzen, hl. Steinen, Musikinstrumenten und Kostümen, in denen sich die ganze schamanische Kosmologie widerspiegelt (→ magische Symbole). Der Altar ist die Schnittstelle zwischen Geist und Materie. Einige Altargegenstände müssen vom Schamanen in Traumvisionen gefunden werden. In Nepal arbeiten die Schamanen hauptsächlich mit einer Trommel; verschiedene Trommeln werden für verschiedene Zwecke benutzt. Der Rhythmus der Trommel dient den Schamanen zum Navigieren auf ihren Reisen durch die Welten.
Jeder Schamane hat seinen eigenen Rhythmus zum Reisen. Das monotone Trommeln kann zwar veränderte → Bewusstseinszustände auslösen und ist behilflich bei der Herbeiführung der Trance, aber für die Fähigkeit zum Reisen genügt das Trommeln nicht. Die Pforten in die anderen Welten lassen sich nur durch ein an die Person des Schamanen gebundenes Reise-Mantra öffnen (→ Mantra). Das Reisen kann durch Räucherstoffe, Hyperventilation, Singen oder Tanzen angeregt und begleitet werden.
Divination und → Orakel aus Naturmaterialien sowie die Bedeutung von Zahlen spielen in der heilerischen Arbeit der Schamanen eine wichtige Rolle. Die Drei ist das Zentrum des schamanischen Universums, ebenfalls wichtige → Zahlen sind die 13 – sie drückt Vollendung aus – und die 108, die viele Bedeutungen hat wie z.B. die Perlen in der Kette (→ Mala), die Namen → Shivas, des „ersten Schamanen“. Die Zahl 108 ist auch der magische Ausdruck der Vielzahl, also „die vielen Namen Shivas“. Auch Tieropfer (→ Opfer) sind in einigen Ethnien Nepals Bestandteil schamanischer Arbeit.
In Nepal hat die Zukunft des Schamanismus übrigens schon begonnen: Es besteht ein intensiver Austausch zwischen Schamanen, Ärzten und Apothekern.

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