Shiva, Shaivaismus

Der Shiva-Kult geht auf prähistorische Zeiten zurück. Der Begriff „Shiva“ (Skr. siva, siehe auch → Trinität) bedeutet „Erfolg versprechend“. Nach einem langen Prozess der Verschmelzung mit lokalen Kulten bekam Shiva seinen theistischen Status in der Svetasvatara-Upanischad.
Die Shaiva-Philosophie umspannt eigentlich das ganze hinduist. Gedankengebäude vom idealistischen Monismus bis hin zum pluralistischen Realismus, vom Glauben an eine persönliche Gottheit bis hin zu einem abstrakten Prinzip (→ Samkhya). Eine besondere Ausprägung erhielt der Kult im → Tantra und → Hatha-Yoga (→ Nath) – man kann sogar sagen, dass die tantrische Tradition zum Kern des Shaivaismus wurde. Das Symbol Shivas ist der Lingam, ein kegelförmiger, glatter Stein in Form eines Phallus. Häufig wird dieser auch in Verbindung mit der Yoni → Shaktis dargestellt (→ Weltzentrum).
Das Shaiva-System der Philosophie und des Yoga wird im Allgemeinen als agama bezeichnet. Agama bedeutet „traditionelle Lehre, die Glauben verlangt“. Es gibt dualistische Lehren und nichtdualistische, deren bedeutendste in den Shiva-Sutras niedergelegt ist. Die Shiva-Sutras (das Hauptwerk der Kashmir-Shaiva), die im 9. Jh. entdeckt wurden, sind Abhandlungen über Yoga und basieren auf einer klaren Philosophie. Diese ruht auf vier Pfeilern:
1. Endgültige Realität (cit oder parasamvit), die das unveränderliche Prinzip aller Veränderungen ist, in der es keine Trennung zwischen Subjekt und Objekt gibt;
2. diese endgültige Realität manifestiert sich, denn Kreativität ist das Wesen der Göttlichkeit;
3. Verhaftung oder Fesselung des Individuums ist Folge der Unwissenheit;
4. Befreiung (moksha) ist möglich, wenn man seine wahre Natur erkennt, das reine Ich-Bewusstsein, die unmittelbare Wahrnehmung der Realität.
Der Weg zur Befreiung ist Shakti-Yoga (das Yoga der Verehrer der → Shakti), ein Prozess der Selbstbeobachtung mit dem Mantra „Wer bin ich?“. Von den modernen Yogis ist → Ramana Maharshi das beste Beispiel für diesen Yoga (der auch als reiner, nichtdualistischer → Jnana-Yoga bezeichnet werden kann). Eine zweite Technik ist → Kriya-Yoga, der eine Aktivität (kriya) nutzt (→ Yogananda). Auch eine Meditation mit dieser Technik ist Kriya, d.h. Wiederholung eines → Mantra und die Verehrung einer gewählten Gottheit.
Weitere Techniken wie → Hatha-Yoga (→ Nath), → Kundalini-Yoga usw. werden ebenfalls in den Shiva-Sutras entwickelt.

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