Spiritualität

Wissenschaft, Philosophie und Religion versuchen, die Wirklichkeit und den Sinn des Lebens auf unterschiedliche Weise zu erforschen und zu erklären. Das Wesen der Spiritualität kann jedoch nur durch eigene Erfahrung erfasst werden. Die geistige Welt ist ungreifbar, sie liegt jenseits des Bewusstseins. Das Geistige kann sich jedoch im Leben manifestieren und diesem eine Qualität geben, die jede Sinneserfahrung überschreitet:
„Der Geist ruft immer nach der Materie, um sich mit ihr zu vereinigen, und die Materie verlangt nach dem Geist, um sich in geistigen Qualitäten auszudrücken. Dieser Vorgang spielt sich ständig in uns ab. Etwas zieht uns zu diesen Welten, die uns genauso brauchen wie wir sie. … Es ist der Unterschied zwischen dem, was ich tue und wie ich es tue, oder noch anders gesagt: zwischen der Quantität meiner Erfahrung und deren Qualität.“ (John G. Bennett 1977, 146)
Der Künstler und Dichter William Blake (1757-1827) drückt das so aus: „Es gibt Dinge, die man sieht, und es gibt Dinge, die man nicht sieht. Dazwischen gibt es Türen.“ Durch eine oder mehrerer dieser Türen müssen die Menschen gehen, wenn sie den „Geist“ erfahren wollen.
Der → Mystiker oder spirituell Suchende versucht mit Hilfe eigener Kraft, durch verschiedene spirituelle Methoden und Techniken nach innen zu gehen und dort den Urgrund des Seins zu finden. Die Grenzen zwischen innen und außen, zwischen Geist und Materie, werden durch die Erkenntnisse der Naturwissenschaft jedoch immer mehr relativiert. Mystiker, Künstler und Wissenschaftler erfahren, dass es nur eine Welt gibt, die sich je nach Blickpunkt oder → Wahrnehmungsvermögen anders darstellt. Man könnte sogar sagen, dass diese Welt durch einfache Verschiebung der Bewusstseinsfilter unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Es könnten aber auch verschiedene Dimensionen sein, die gleichzeitig bestehen und miteinander Wechselwirkungen eingehen. Da wir Menschen uns in einer räumlichen Welt befinden, können wir diese nicht mit etwas anderem vergleichen. Vielleicht gibt es weder einen relativen noch absoluten Raum, nur Prozesse innerhalb eines mehrdimensionalen Raumes, der alles ist, was sein kann, und in dem die menschliche → Wahrnehmung nur eine bestimmte Art der Räumlichkeit und → Zeit als solche erfahren kann.
Solche Dinge beschäftigten die klassischen griech. Philosophen genauso wie die modernen Physiker und Kosmologen. Sie sind ebenfalls für spirituelle Sucher von Bedeutung, die daran arbeiten, eine Wahrnehmung von einer anderen Realität zu entwickeln, in der sie erfahren oder erleben, wie die Dinge „tatsächlich“ sind. Vermutlich trifft die Erkenntnis der Quantentheorie auch auf spirituelle Erfahrung zu: Der Beobachter ist Teil des beobachteten Gegenstands. Jede Beobachtung hat eine Wirkung auf den Rest des Universums. Deshalb ist „Realität“ nicht mehr „objektiv“ zu erfahren. Mit anderen Worten: Jede Intuition, → Vision, Einsicht in eine „andere“ Wirklichkeit ist allein die eigene Erfahrung, die Welt, die sich jeder selbst erschafft. „Ich bin spontanes, wirkliches Wissen, natürlich und unbewegt, wie der Himmel“, sagte ein indischer Mystiker im 12. Jh.
Die Grenzen zwischen Wissenschaft und Spiritualität verschwimmen immer mehr. Die moderne Quantenphysik dringt heute in Bereiche jenseits „fester“ Materie vor, die ursprünglich in tiefsten Augenblicken der spirituellen Erleuchtung aufgeblitzt sind. „Es gibt keine festen Wände mehr“ ist die Erkenntnis, die → Mystiker und Wissenschaftler vereint. Ob ein durch Fasten, → Askese und → Meditation erhobener Mystiker, ein Psychedeliker (→ psychelische Erfahrung), der sich am Tanz der Neuronen ergötzt, oder ein Wissenschaftler, der tage- und nächtelang Elektronen oder Sterne beobachtet – sie alle dringen in Bereiche vor, die für das „Normalbewusstsein“ nicht von Bedeutung sind. Und dennoch die Welt bewegen.
Hinter der Erforschung der Wirklichkeit steckt das Suchen des Menschen nach einem Sinn für sein Leben. Vielen reicht es nicht zu wissen, dass sie materialisierte Geistwesen sind, sondern sie wollen erfahren, warum sie leben und lieben, kämpfen und leiden. Es ist oft verwirrend, welch unterschiedliche Aussagen über die geistige Welt und den Sinn des Lebens gemacht werden. Eine Hilfe, hier einen Überblick zu bekommen, kann sein, die unterschiedlichen Aussagen über die Realität des Geistes zu studieren und sie zu kontemplieren, v.a. aber in die Erfahrung zu gehen.
Oft bilden Widersprüche oder Unterschiede gerade die Reibungslinie, die zu einem anderen Verständnis führt. Oft sind unterschiedliche Stufen der Erkenntnis gemeint oder es wird einem persönlichen vor einem unpersönlichen → Gott der Vorzug gegeben. Bei tieferer Kontemplation wird klar, dass dies nur eine Frage der Präferenz ist: Manche Menschen sind nicht in der Lage oder willens, sich auf die Unsicherheit eines unendlichen, transzendenten Geistes (→ Brahman) einzulassen, sie benötigen einen „Gott zum Anfassen“. Doch das macht keinen Unterschied für die transzendente, jeden Verstand überschreitende Wirklichkeit. Siehe auch → Geist.

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