Voodoo

Im Voodoo steckt mehr als Afrika. Der bedeutende französisch-schweizerische Enthnologie Alfred Métraux (1902 – 1963) erwähnt → freimaurerische Elemente, und Joseph Campbell führt manches auf die griech. Götter zurück. Die täglichen Heiligenfeiern entsprechen dem, was die vorchristl. → Griechen „von Gott erfüllt sein“ nannten, den wichtigsten Aspekt ihres Theaters. Campbell glaubt auch, dass im haitischen Voodoo „die gut erhaltenen Gesichtszüge einer Esoterik der gnostisch-hermetisch-kabbalistischen Art“ wiederzuerkennen seien (in: Maya Deren 1992, Vorwort).
Voodoo gilt aufgrund der Übernahme von christl. Symbolen und Ausdrucksweisen als eine synkretistische Religion: Der Gläubige kennt Gebete, Heiligenbilder, Kruzifixe, bezeichnet seine Götter und Geister als mysté („Mysterien“) oder saints („Heilige“). Häufig wird übersehen, dass diese Götter „vodooisiert“ wurden, nicht umgekehrt. Den Schöpfergott im christl. Sinne bezeichnet der Voodoo-Gläubige als Bon Dieu. Die alltäglichen Belange der Menschen berühren diesen Bon Dieu nicht mehr, der sich nach dem Schöpfungsakt zurückzog (→ Gnosis). Die Verantwortung für das irdische Dasein übertrug er den Göttern und Geistern. Das erinnert stark an die gnostische Kosmologie, in der die → Demiurgen für die Schöpfung verantwortlich sind. Diesem entrückten Gott widmen die Gläubigen keine Zeremonie.
„Die afrikanische Form des Voodoo ist Ursprung und vorläufiger Endpunkt einer religiösen Evolution, die weltweit ihresgleichen sucht“, meint Gert Chesi, der einige Bücher über Afrika veröffentlichte. Er beschreibt in seinem Werk über Voodoo (1979) folgende wesentlichen Elemente, die diese Religion ausmachen:
Der Fetisch: Der Fetisch ist nicht Gott, nicht Mensch, nicht Stein oder Pflanze, aber er hat von allen einen Anteil. Es kommt immer darauf an, in welchem Zusammenhang Fetische gebraucht werden. Das jeweilige Ritual hat die Aufgabe, die gewünschten Anteile zu aktivieren oder zu verstärken.
Die Trance: Im Zustand der → Trance verwirklicht sich auch der menschliche Anteil Gottes. Wenn durch das Ritual ein Gott herbeigezwungen wird, dann verliert der Tänzer im Augenblick der Trance seine Identität zugunsten des Gottes, der von ihm Besitz ergreift.
Die Voodoo-Götter: Diese sind identisch mit den Fetischen. Voodoo-Götter sind Abkömmlinge des Schöpfergottes Mawu, der ganzheitlich begriffen wird, ohne Trennung von Gut und Böse, während einzelne Voodoo-Götter eine starke Eigendynamik haben und den Menschen helfen oder schaden können. Exu oder Eshu ist der Götterbote, der die Nachrichten verbreitet und die Opfergeschenke überbringt. Ohne ihn geht nichts. Ogun ist der Wegbereiter und Krieger, Oshun die Göttin der Schönheit, Oxossi ist der Jäger, Ossain der Zauberer, Shango der Herr des Feuers und Nana die Göttin der Zeit – um nur einige zu nennen.
Das Opfer: Um mit den Voodoo-Göttern ein gutes Verhältnis zu pflegen, ist das → Opfer erforderlich. Voodoo-Götter haben einen menschlichen Aspekt, deshalb verlangen sie nach Speisen und Getränken, nach Tabak und Parfum. Einige von ihnen fordern auch das Blut von Opfertieren, andere sind derart vergeistigt, dass sie sich mit Gesängen und Tänzen „begnügen“. Das Opfer ist Teil des Rituals und beginnt mit der Anrufung der Götter, die man auch als „Energien“ oder „Kräfte“ verstehen kann. Jeder von ihnen hat eine spezifische Farbe. Die inzwischen weltweit bekannte brasilianische Friedensfahne mit ihren Regenbogenfarben kündet von dieser Vorstellung.
Die Magie: Magie ist ein wichtiger Bestandteil des Voodoo. Der Voodoo-Priester bedient sich magischer „Medizinen“, um Götter zu rufen oder böse Geister zu vertreiben. Weiße → Magie dient zur Herbeiholung der Götter, schwarze Magie kann zur Verwünschung oder Tötung eingesetzt werden.
Das Ritual: Die weiblichen Aspekte der Götter werden durch Erzulie repräsentiert, ihre Priesterin ist mam’bo, den männlichen Aspekt stellt Legba, sein Priester ist houn’gan. Die → Rituale werden im Allgemeinen mit Musik vollzogen – dem Trommeln der Rada, Pethro oder Conga –, mit Gesängen und Anrufungen, → Tanz, → Gebeten, → Besessenheit durch die Loas oder Mystères (Götter), auch mit Opferungen von Vieh oder anderen Tieren, bis die ganze Zeremonie in ein Fest mündet.
„Es gibt eine eigene Sprache der Besessenheit“, sagt der Kunst- und Musikhistoriker Robert Farris Thompson, „einen eigenen Ausdruck, eine eigene Körpersprache für jeden Gott.“ Im Voodoo-Ritual, im Trance-Tanz, kann ein Gott sofort an seinen Bewegungen erkannt werden. „Das setzt einen Reichtum an Bewegung voraus, eine psychische Beweglichkeit, die uns Bewohnern des Westens den Atem verschlagen muss“, meint Michael Ventura (1985, 114). Denn jeder der Gläubigen verkörpert im Laufe seines Lebens viele dieser archetypischen Götter. „Etwas von Theater, ja von Zirkus haben solche Feste an sich, die den Göttern die Gelegenheit geben, herabzusteigen, in den Körpern zu wohnen, durch die Körper sich auszudrücken, Fleisch zu werden“, schreibt Kaye Hoffman (1986)
Aus den Rhythmen des Voodoo entwickelten sich in Amerika der → Rock ’n’ Roll, der Boogie und der Jazz – also jene Musik, die den heutigen Westen und eigentlich sogar die meisten asiatischen Länder dominiert. Insofern könnte man sogar behaupten, dass die synkretistische Religion der Afrikaner heute die größte Weltreligion ist, v.a. da sie auch immer in der Lage war, Neues aufzunehmen und zu assimilieren. Wenn Menschen heute zu Beat, Rock oder Techno tanzen, feiern sie die Voodoo-Götter und werden von ihnen mehr oder weniger in Besitz genommen. „Wenn die Musik und die Tänze den Geistern so sehr gefallen, dass sie vielleicht sogar gegen ihren Willen angezogen werden, dann, weil sie selbst Tänzer sind, weil sie sich selbst gestatten, von der übernatürlichen Macht des Rhythmus davongetragen zu werden“ (Alfred Métraux 1994).
In Südamerika gibt es heute mehrere afrikanische Kulte, die sich meistens eklektizistisch mit katholischen Heiligen und Ritualen vermischt haben. Die brasilianische Volksreligion Macumba etwa besteht aus drei Richtungen: Candomblé, Umbanda und Quimbanda. Am bekanntesten ist der Candomblé, der in Bahia de Salvador beheimatet ist. Candomblé leitet sich vom portugiesischen Candombe ab, einem Tanz der Sklaven auf den Kaffeeplantagen. Im Candomblé, der in Brasilien wohl am stärksten die alte Götterwelt der westafrikanischen Yoruba bewahrt hat – stärker noch als der Santeriá, sein kubanischer Bruder –, sind die liturgische Sprache und die Gesangstexte weitestgehend „afrikanisch“. V.a. die Mythologie, die bei öffentlichen religiösen Handlungen eine komplexe Verwirklichung erlebt, zeigt, wie stark die afrikanische Vergangenheit und ihr spirituelles Erbe weiterleben: Trommelrhythmen und Gesänge rufen die orixás herbei, die dann von eingeweihten Töchtern und Söhnen in einer religiösen Trance verkörpert werden und sich so der Gemeinde gegenüber durch ihren Tanz manifestieren.
Der → theosophisch geprägte Umbanda fügt der afrikanischen Götterwelt noch hinduist., buddhist. und indianische Elemente hinzu und praktiziert → spiritistische Feiern. Im Quimbanda wird so genannte schwarze → Magie angewandt. In magischen Ritualen beschwört man hierbei den Zauberer Exu und seine Gehilfen. Weit verbreitet ist auch der Mambo, der nach der Hauptgöttin benannt ist: Ihre Musik wurde zur Grundlage für den berühmten Mambo-Tanz.

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